Schluss mit HiFi-Mythen: Das solltest du bei deinen Lautsprechern beachten
Eigentlich sollte HiFi ein Werkzeug sein, mit dem du deine Musik noch besser genießen kannst. Und dann kamen HiFi-Foren ins Spiel. Egal, ob du deine Lautsprecher auf Spikes stellst, Röhrenverstärker bevorzugst oder deine Platten nass abspielst. Immer wird es Leute geben, die dir unterstellen, alles, aber auch wirklich alles, falsch zu machen.
Um dem etwas entgegenzusetzen, möchten wir hier etwas Aufklärungsarbeit leisten. In diesem Ratgeber geht es um Fragen, auf die es in jedem HiFi-Forum mindestens drei völlig verschiedene Antworten gibt. Denn erst wenn du die Basics verstehst, kannst du dir eine eigene, fundierte Meinung bilden. Hier also unsere sechs Dinge, die du über Lautsprecher und HiFi wissen solltest:
1. Je mehr Watt, desto besser?
Früher wurden Lautsprecher gerne mit irrwitzigen Wattangaben beworben. Daran sind gleich zwei Dinge falsch: Einerseits hat ein normaler, passiver Lautsprecher in etwa so viel Leistung wie die Sitze in deinem Auto. Der Verstärker, bzw. der Motor, um im Vergleich zu bleiben, erzeugt Leistung. Die Wattangaben in den Specsheets der Boxen beziehen sich höchstens auf die empfohlene, bzw. maximale Leistung, die du den Boxen bieten solltest. Und diese Empfehlung entscheidet nicht über den Klang.
Und selbst beim Verstärker sagt die Wattzahl überhaupt nichts über den Klang aus. Ein Musical Fidelity A1 hat gerade einmal 25 Watt und klingt fantastisch. Es kommt immer auf die Wechselwirkung zwischen den beiden an:
2. Wirkungsgrad ≠ Empfindlichkeit
Der deutlich aufschlussreichere Wert bei Lautsprechern ist der sogenannte Wirkungsgrad. Damit ist gemeint, wie laut die Lautsprecher bei einem fest definierten Signal werden. Oft wirst du hier Angaben wie „86 dB bei einem Watt Leistung und 1 kHz Sinuston, gemessen in einem Meter Abstand“ finden. In Kurzform: 86 dB 1 W / 1 kHz / 1 M. Wirklich wirkungsgradstarke Lautsprecher, etwa Hörner, können auch schon mal an den 100 dB kratzen. Das ist dann aber eher die Ausnahme.
Vom Wirkungsgrad könnt ihr also Rückschlüsse darauf ziehen, wie viel Leistung eure Verstärker haben sollten. Denn um bei einem „schwachen“ Lautsprecher auf adäquate Pegel zu kommen, musst du einen schwachen Verstärker deutlich weiter aufdrehen. Er muss sich also mehr anstrengen und kommt schneller an seine Belastungsgrenze – und das kann verzerren. Ein starker Verstärker läuft sich an denselben Lautsprechern und gleicher Lautstärke erst warm.
Es gibt nur einen Haken: Die 86 dB sind nicht der Wirkungsgrad, sondern der Kennschalldruck. Der Wirkungsgrad gibt an, wie viel der in ein System hineingesteckten Leistung am Ende als Nutzleistung wieder herauskommt. Es geht also darum, wie effizient die Lautsprecher sind. Der Wirkungsgrad hat keine Einheit wie Dezibel und wird meistens als Bruch oder einfach als Zahl dargestellt. Wenn zum Beispiel die Hälfte der in ein System eingeführten Leistung am Ende wieder als Nutzleistung herauskommt, hätte dieses System einen Wirkungsgrad von 50 Prozent.
Lautsprecher hingegen sind unglaublich ineffizient. Sie erreichen meistens nicht mal einen Wirkungsgrad von einem Prozent. Der Rest der hineingesteckten Leistung wird zu Abwärme. Was oft als Wirkungsgrad bezeichnet wird, bezeichnet also eigentlich den Kennschalldruck, oder auch einfacher: die Empfindlichkeit der Lautsprecher.
3. Je näher an der Wand, desto mehr Bass?
Je tiefer ein Ton, desto weniger gerichtet ist er. Sprich: Basstöne breiten sich im Raum in alle Richtungen, annähernd kugelförmig, aus, während hohe Töne sehr zielgerichtet nach vorn abstrahlen. Dem Hochtöner ist also relativ egal, was hinter ihm los ist. Ganz im Gegenteil zu den Basstreibern. Denn seine Schallanteile können auch von der rückwärtigen Wand reflektiert und dann zu dir zurückgeworfen werden. Noch verstärkt wird dieser Effekt, wenn der Lautsprecher in einer Ecke steht.

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass der Bass über seinen gesamten Frequenzbereich gleichmäßig lauter wird. Ganz im Gegenteil: Je nachdem, wie dein Raum aussieht, wo deine Lautsprecher stehen und wo du sitzt, kann der Bass in einer Frequenz wummern und in einer anderen komplett in sich zusammenfallen.
Klangkiller: Raummode
Das Stichwort lautet „Raummoden“. Je nach Frequenz hat Schall eine unterschiedlich lange Wellenlänge. Die Distanz zwischen dem „Berg“ und dem „Tal“ einer Schallwelle ist also unterschiedlich groß. Abhängig davon, wie weit weg deine Boxen von der Wand entfernt stehen, werden einige von der Rückwand reflektierte Frequenzen in Phase und andere entgegengesetzt der Phase bei dir ankommen.
Erreichen dich der direkte und der indirekte Schall in Phase, verstärken sie sich und du nimmst die Frequenz lauter wahr. Erreicht dich der eine „verphast“, löschen sie einander aus und die Frequenz scheint leiser. Nach diesem Prinzip funktionieren übrigens auch Noise-Cancelling-Kopfhörer. Und natürlich ist nicht nur die Frequenz selbst dafür verantwortlich, sondern auch dein Abstand zu den Lautsprechern. Und der Abstand der Lautsprecher zur Rückwand.

Das Ganze wird noch ein bisschen komplizierter, wenn deine Lautsprecher auf der Rückseite eine Bassreflexöffnung haben. Diese kann einen sehr engen Frequenzbereich verstärken – ähnlich Orgelpfeifen, die eine fest definierte Länge und einen fest definierten Durchmesser haben. Rückt ihr den Ausgang eures Bassports näher an die Wand, kann sich hier Luft stauen, was ebenfalls zu Klangverfärbungen führen kann. Rückt ihr den Lautsprecher aber ganz an die Wand, kann die Wirkung des Bassports komplett in sich zusammenfallen, weil jetzt gar keine Luft mehr zirkuliert.
Du siehst: Für jeden Lautsprecher, jeden Hörraum und jedes Paar Ohren ist der ideale Standort ein anderer. Hier hilft nur Ausprobieren und wenn du es genau wissen möchtest: nachmessen.
Aus demselben Grund solltest du auch immer mit dem Winkel deiner Lautsprecher experimentieren. Die Hersteller geben zwar oft Empfehlungen an, sie kennen dein Wohnzimmer aber nicht. Denn auch höhere Frequenzen reflektieren von den Seitenwänden, der Decke und dem Boden. Und auch hier kann der Anteil von Direkt- zu Diffusschall den Klang stark beeinflussen.
5. Wege vs. Kanäle
Ein Stereo-System hat zwei Kanäle und ein Surround-System oft mehr als zehn. So viel ist klar. Vielleicht seid ihr aber auch schon über Begriffe wie „3‑Wege-Box“ gestolpert. Das hat nichts mit den verschiedenen Kanälen zu tun, die ein Verstärker oder ein AV-Receiver ausspuckt.

Stattdessen bezeichnen die Wege, was mit dem Signal im Inneren eines Lautsprechers passiert. Genauer gesagt, in wie viele Teile eine Frequenzweiche das Signal aufteilt. Denn nicht jeder Treiber kann mit jeder Frequenz etwas anfangen: Müsste ein Tieftöner so schnell vibrieren wie ein Hochtöner, würden Verstärker und Treiber in die Knie gehen. Gleichzeitig könnte ein Hochtöner niemals genug Luft bewegen, um Bassfrequenzen hörbar zu machen.
Teilt die Frequenzweiche Musik also auf einen Hoch- und einen Tieftöner auf, redet man von einer Zwei-Wege-Box. Kommt noch ein Mitteltöner dazu, haben wir einen dritten Weg. Aber Vorsicht: Nur, weil ein Lautsprecher zehn Treiber hat, muss er keine zehn Wege haben. Schließlich kann derselbe Frequenzbereich an mehrere Treiber geschickt werden. Die ELAC Concentro M 807 etwa hat ganze sechs Mitteltöner. Und dann gibt es noch Lautsprecher, in denen sich Frequenzbereiche überlappen, etwa, weil ein Basstreiber höher spielt als der andere. Dann bekommst du auch mal 4,5 Wege. So etwa bei der Dali Epikore 11.

6. Bi-Wiring / Bi-Amping
Und das bringt uns direkt zum nächsten Streitpunkt: Bi-Wiring und Bi-Amping. Hierbei geht’s darum, dass du jeden deiner beiden Lautsprecher nicht mit einem Kabel und Verstärker, sondern gleich mit zweien anschließt. Für die eine Fraktion ist das marketing-technisches Voodoo, für die anderen der heilige Gral, mit dem du auch das letzte Fitzelchen Klang aus den Boxen kitzeln kannst. Der Zweck des Ganzen ist, die Basstreiber getrennt von den anderen Wegen des Lautsprechers anzutreiben.
Bi-Wiring ist die einfachere, aber auch umstrittenere Lösung. Ein Lautsprecher mit passenden, doppelten Anschlussklemmen, wird über zwei statt nur ein Kabel mit deinem Lautsprecher verbunden. Dabei enden die Kabel beim Verstärker am selben Ausgang, trennen sich beim Lautsprecher aber auf den Hoch- und den Tieftoneingang auf.

Ein weitverbreiteter Irrglaube ist, dass die getrennten Kabel dafür sorgen, dass durch das eine nur die tiefen Töne und durch das andere nur alle höheren fließen und sie sich so nicht mehr gegenseitig beeinflussen können. Das ist so nicht korrekt. Durch beide Kabel fließt immer noch das gesamte Frequenzspektrum. Es geht vielmehr darum, womit sich euer Musiksignal das Kabel teilen muss. Das Stichwort lautet Gegen-EMK, also Gegen-Elektromotorische-Kraft.
Bi-Wiring: Mehr Platz fürs Signal?
Kurzfassung: Wenn das Musiksignal als Wechselstrom durch einen Treiber fließt, entsteht in der Spule ein magnetisches Feld, das sie vom sie umgebenden Magneten abstößt und wieder anzieht. Das bewegt die Membran und erzeugt hörbaren Schall. Genauer erklären wir dir das in unserem Ratgeber:
Das Ganze funktioniert aber gleichzeitig auch andersherum. Jedes Objekt möchte gerne in der Bewegung verharren, in der es sich gerade befindet. Und je größer und schwerer der Treiber ist, desto träger ist er. Sprich: Auch wenn der Bassimpuls vorbei ist, wird der Treiber noch nachschwingen. Und jetzt wirkt die Spule im Magneten wie ein Dynamo und erzeugt selbst Strom, der zurück durchs Lautsprecherkabel in den Verstärker fließt. Dieser Effekt taucht primär bei schwereren Membranen auf und kann daher bei Hochtönern vernachlässigt werden.
Im Lautsprecherkabel wird es also noch „enger“ für das Musiksignal, das den entgegengesetzten Strom als Widerstand wahrnimmt. Der Vorteil von Bi-Wiring besteht also nicht darin, dass sich hohe und tiefe Frequenzen nicht mischen, sondern darin, dass die hohen Frequenzen nichts von der Gegen-EMK der Basstreiber abbekommen.

Bi-Amping – mehr Power, weniger Ablenkung?
Deutlich mehr Auswirkungen auf den Klang eurer Lautsprecher kann aber Bi-Amping haben. Hierbei benutzt ihr gleich zwei separate Verstärker/Endstufen. Entweder schließt ihr dann einen Verstärker an jeweils einen Lautsprecher an oder – was dir auch die Vorteile von Bi-Wiring beschert – ihr benutzt einen Verstärker für die hohen Frequenzen beider Lautsprecher und einen Verstärker für den Bass beider Lautsprecher.
Die erste Option sorgt dafür, dass sich ein Verstärker nur um einen Lautsprecher kümmern muss. Dafür eignen sich besonders gut Mono-Endstufen, wie die AVM MA 30.3 MKII, die ohnehin für nur einen Kanal vorgesehen sind. Alternativ könnt ihr auch Stereo-Endstufen wie die Quad 303 brücken und so die Power, die normalerweise für zwei Kanäle vorgesehen ist, auf einem Lautsprecher bündeln.

Option zwei ist etwas aufwendiger, sorgt aber dafür, dass die filigranen Hochtonsignale zu keinem Zeitpunkt von der bösen Gegen-EMK gestört werden, die zur Endstufe der Basstreiber fließt. Gleichzeitig spart sich die Hochton-Endstufe die Kraft, die für große Basshübe nötig wäre, und kann sich komplett um den Hochton kümmern.

Der Nachteil: Zwei Stereo-Endstufen benötigen auch zwei Stereo-Ausgänge am Vorverstärker. Und die bieten nur wenige. Ein Beispiel ist der Chord Ultima Pre 3 oder der Naim NSC 222. Alternativ kannst du natürlich auch einfach ein Y-Kabel verwenden, das das vorverstärkte Signal auf beide Endstufen aufsplittet. Gleichzeitig benötigst du natürlich auch doppelt so viele Lautsprecherkabel, was im Wohnzimmer gerade optisch eine Herausforderung werden kann. Gerade, da du die Endstufen nicht mehr so einfach hinter den Boxen verstecken kannst, wenn jede Endstufe mit beiden Lautsprechern verkabelt werden muss.
7. Kabellänge nicht unterschätzen
Was uns auch direkt zum letzten Punkt bringt. Kabel sind wohl das Thema, über das in der HiFi-Szene die erbittertsten Fehden ausgetragen werden. Unserer Erfahrung nach kann hochwertige Verkabelung durchaus einen Klangunterschied machen. Der Qualitätssprung ist aber nicht mit dem Klangupgrade durch bessere Boxen, einen neuen Verstärker oder einen hochwertigeren Plattenspieler vergleichbar. Ganz zu schweigen vom Hörraum selbst. Nackte Betonwände und große Fensterfronten schaden dem Klang mehr, als jedes Kabel der Welt ausgleichen könnte.
Klar, den billigen Klingeldraht, den manche Hersteller ihren Lautsprechern mit in den Karton legen, solltest du höchstens dazu nutzen, um direkt nach dem Auspacken sicherzustellen, dass alles funktioniert. Davon abgesehen, solltest du erst mit den restlichen HiFi-Komponenten – und deinem Hörraum – zufrieden sein, bevor du große Summen in Kabel investierst.

Trotzdem: Wenn du bereit bist, zehntausende Euro in guten Klang zu investieren, sollten auch die Kabel nicht zu kurz kommen. Und „zu kurz zu kommen“ ist vermutlich der viel häufiger gemachte Fehler.
Die eine Box steht direkt neben dem Verstärker, die andere am anderen Ende des Wohnzimmers. Kabelsalat ist hässlich, also schneidest du das eine Kabel zu. Wenn du wirklich alles richtig machen willst, solltest du das aber lassen. Nicht, wie wir immer wieder hören, weil das zu Zeitverzug führt. Wir reden hier von Strom. Der ist mit nahezu Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Da bräuchte man theoretisch mehrere Kilometer Kabel, um einen Zeitversatz zwischen Links und Rechts zu bemerken.
Was du hingegen merken würdest, ist der steigende Widerstand. Denn je länger das Kabel, desto mehr Material muss euer Signal durchwandern. Das Signal käme also gleichzeitig auf beiden Kanälen an, unter Umständen wäre aber eine Box leiser als die andere. Je nach Verstärker kannst du den Pegelunterschied natürlich auch einfach per Balance-Regler anpassen.
Fazit: An vielen HiFi-Mythen gibt es ein Körnchen Wahrheit
Wie du siehst, gibt es in der HiFi-Welt einige Details, die nicht so eindeutig und in Stein gemeißelt sind, wie sie anfangs wirken. Unsere Liste der HiFi-Mythen ließe sich noch beliebig erweitern. Wir hoffen aber, dass du jetzt etwas besser verstehen kannst, welche Auswirkungen Kabel, Aufstellung oder Anschlussart auf den Klang deiner Lautsprecher haben können.
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