Startseite Vinyl 150.000 Platten am Tag: HIFI.DE zu Besuch im weltweit größten Presswerk

150.000 Platten am Tag: HIFI.DE zu Besuch im weltweit größten Presswerk

Vermutlich stammt ein großer Teil deiner Vinyl-Sammlung aus diesem Werk. Wir verraten dir, wie man bei GZ Media Musik in Rillen bannt – und was Donuts damit zu tun haben.
HIFI.DE zu Besuch bei GZ Media Titelbild Bild: GZ Media

Es gibt Informationen, die auf keiner Schallplatte fehlen dürfen: Artist, Albumname, am besten auch eine Titelliste. Deutlich kleiner, irgendwo am Rand findest du meistens auch noch die Informationen zum Plattenlabel. Wer hingegen dafür verantwortlich ist, dass die Musik in einen Klumpen PVC gepresst wird, bedarf einiger Detektivarbeit. Denn diese Information kannst du meistens nur der Matrizen-Nummer im Zentrum der Platte entnehmen. Zieh eine beliebige Schallplatte aus deinem Regal: Die Wahrscheinlichkeit, dass dich ihre Nummer zu GZ Media führt, ist sehr hoch. Wir wurden vom tschechischen Vinyl-Experten ins Stammwerk eingeladen.

GZ Media – Am Anfang ist das Master

An Besucherausweise geleint und in Warnwesten gewickelt betreten wir das Werk in Loděnice, 40 Autominuten außerhalb Prags. Unsere Gastgeber führen uns durch einen Mix aus altehrwürdigen Korridoren aus Sowjetzeiten – seit 1952 presst man hier Platten – und modernen Industriehallen voller geschäftigen Treibens, pneumatischem Zischen und Fässern voller bunter Kunststoffkügelchen. Unser erster Stopp – und der Ausgangspunkt jeder Platte: die Schneidabteilung.

Besuch bei GZ Media | Neumann VMX70 Schneidmaschine
Auf einer Schneidmaschine wird die Musik per Schneidstichel (unter dem dreieckigen Gehäuse) in den Master geschnitten. | Bild: JacoTen @ Wiki Commons

Wenn man Dr. Frankenstein das Konzept eines Plattenspielers erklärt hätte, hätte er vermutlich etwas optisch Ähnliches konzipiert: Zwischen Mikroskopen, Schläuchen und Displays ist gerade noch der massive, im schwimmend gelagerten Tisch eingelassene Plattenteller erkennbar. Dort, wo du normalerweise den Tonabnehmer erwarten würdest, schwebt der Schneidstichel in seinem faustgroßen Metallgehäuse. Vor uns steht eine der modernsten Schneidmaschinen der Welt. Um sie herum stehen, mit Vaterstolz in den Augen, ihre Ingenieure. Fotos machen: auf keinen Fall! Die jahrelange Entwicklungsarbeit soll ein Firmengeheimnis bleiben.

Immerhin können wir den Maestros über die Schulter schauen, als sie einen Track mit dem Stichel in das Metall-Master schneiden. Bei diesem „Direct Metal Mastering“ (DMM) wird die Musik in eine mit Kupfer beschichtete Metallscheibe geschnitten. Diese modernere Alternative zum Lack-Master hat viele Vorteile, da man sich direkt mehrere Herstellungsschritte sparen kann, wovon auch der Klang profitiert.

Plattenrille unter Mikroskop mit Kontrastlicht
Je nach Lautstärke und Frequenz verändert sich die Rillenstruktur auf der Schallplatte. | Bild: Alexander Klepnev @ Wiki Commons

Früher war hierfür eine Menge Know-how nötig: Eine laute Musikpassage lässt den Stichel stärker hin- und herschwingen. So verbreitert sich die Rille an dieser Stelle. Entsprechend musste man darauf achten, dass genug Abstand zum benachbarten Rillenabschnitt blieb. Gleichzeitig ist der Platz auf einer Schallplatte begrenzt. Man wollte also auch keinen Platz verschwenden. Heutzutage geht den Sound-Engineers dabei eine Software zur Hand, die in Echtzeit berechnet, wie viel Abstand gebraucht wird. Genaue Augen und feine Ohren bedarf es aber immer noch.

Der Weg zum Stempel: Nickelbad und Matrizen-Nummer

Nach Qualitätskontrolle und Reinigung landet das Master in der Galvanik. Hier wird die Kupferscheibe in ein Nickel-Elektrolysebad gesteckt, bis sich eine gleichmäßige Nickelschicht auf ihr formt. Diese Schicht wird sorgsam abgezogen und bildet die Matrize, das Negativ also, mit dem anschließend die eigentliche Schallplatte gepresst werden kann.

Besuch bei GZ Media | Prozess vom Metallmaster, bzw. Lackmaster
Der Weg zur Matrize (links unten) ist vom Metall-Master deutlich kürzer als jener vom Lackmaster.

Vor den Zeiten von DMM musste das Lackmaster erst noch aufwendig vorbehandelt werden, um über mehrere Zwischenschritte bei der Matrize zu landen. Da das Plattenlabel erst auf die fertige Platte gepresst wird, gibt es keine Möglichkeit, den Metallscheiben anzusehen, welche Musik in ihrer Rille steckt. Deshalb wird jedes Master vor der Galvanisierung mit einer eindeutigen Ziffernfolge beschriftet.

Dieser Code landet dann natürlich auch auf den Matrizen und auf deiner Schallplatte. Und da jedes Presswerk eine eigene Signatur hat, kannst du mit etwas Recherche herausfinden, wo und wann deine Platten gepresst wurden. Teils geben die Matrizen-Nummern auch Aufschluss über Label und den Mastering-Engineer, der/die sich nicht selten sogar mit einem eigenen Kürzel auf dem Master verewigt.

So wird eine Schallplatte gepresst

Von der Galvanik folgen wir den Matrizen in das eigentliche Presswerk. Unzählige Reihen von Pressen stehen hier in Reih und Glied, jede persönlich betreut: Die beiden Matrizen werden sich horizontal gegenüber in der Presse befestigt, in die Mitte kommt ein Sandwich aus Label – Vinyl-Klumpen – Label. Der auch „Donut“ genannte Klumpen wurde vorher aus feinem PVC-Granulat geformt. Welche Farbe das Granulat hat, kannst du frei bestimmen. Auch sind verschiedenste Farbverläufe und Effekte möglich. Übrigens: Vinyl ist ungefärbt nicht etwa schwarz, sondern milchig-transparent.

Besuch bei GZ Media | Vinyl-Donut
Der Vinyl-Donut kann im Werk mit bunten Vinyl-Stückchen präpariert werden. So entstehen spannende Farbverläufe. | Bild: GZ Media

Mit ca. 150 Grad und über 80 Kilo pro Quadratzentimeter pressen die beiden Matrizen den Donut waffeleisengleich in seine Form. Nach einem kurzen Abkühlprozess wird die Platte entnommen und vom an den Rand gequetschten Vinylüberschuss befreit. Eine Schallplatte wurde geboren.

Jede Charge wird kontrolliert, damit Produktionsfehler möglichst früh entdeckt und behoben werden können. Dafür drehen sich in einem akustisch bedämpften Raum neben dem Presswerk ein Bataillon an Plattenspielern, auf denen die Tester:innen das Endprodukt mit der ursprünglichen Musikdatei vergleichen und kritische Stellen notfalls auch unter dem Mikroskop überprüfen.

Besuch bei GZ Media | Vinylpresse in Aktion
Die modernen Pressen entfernen den Quetschrand der Schallplatte automatisch (hinterer Behälter). | Bild: GZ Media

Wir brauchen Regale … viele Regale

Für GZ Media endet die Arbeit an diesem Punkt jedoch nicht. Denn in der hauseigenen Druckerei entstehen auch die Hüllen und Inlays. In einer weiteren Halle feiern Schallplatte und Hülle ihre Hochzeit. Alles natürlich voll automatisiert. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, wenn man plötzlich hinter sich eine Stimme hört, die einen höflich darum bittet, zur Seite zu treten. Nur, um festzustellen, dass man von einem voll beladenen Rollbrett angesprochen wurde, das geduldig darauf wartet, die Schallplatten ins Lager zu bringen.

Besuch bei GZ Media | Roboterarm
Wer schon mal versucht hat, hunderte Schallplatten gleichzeitig zu schleppen, versteht, warum diese Aufgabe bei GZ Media Roboter übernehmen. | Bild: GZ Media

Wir folgen dem höflichen Roboter und landen im Film Matrix. Zumindest kommt es uns so vor, als wir durch eine unscheinbare Tür auf einen Gitterboden treten: Vor, über und unter uns erstrecken sich in den Schatten der nur riesigen Halle verlierende Lagerregale. Laufbänder und automatische Greifarme transportieren die in wiederverwendbaren Kunststoffkisten stehenden Schallplatten an ihren Platz.

Jede dritte Schallplatte kommt von GZ Media

Als die CD auf den Markt kam und der Schallplatte den vermeintlichen Todesstoß versetzte, sank die Jahresproduktion auf 364.000 Stück. Heute produziert GZ Media 150.000 Schallplatten. Pro. Tag. 2025 waren es 77 Millionen Platten. Tendenz steigend, denn der Vinyl-Hype scheint nach wie vor nicht abzuklingen. Dessen ist man sich auch bei GZ Media sicher: Seit 2016 hat man insgesamt sechs Tochterwerke in Europa und Nordamerika gegründet, bzw. bestehende Presswerke übernommen. Darunter auch so renommierte Namen wie Nashville Record Pressing in den USA.

Besuch bei GZ Media | Vinylfarben und -muster
Schnödes Schwarz ist schon lange nicht mehr der Standard bei Schallplatten. | Bild: GZ Media

Auch, wenn du den Namen dieses Hightech-Presswerkes vermutlich noch nie gehört hast, stehen die Chancen also gut, dass jede dritte, frisch gepresste Platte deiner Vinylsammlung von GZ Media kommt. Von dem beschaulichen Feeling einer alten Platte mit ihrem lagerfeuergleichem Geknister ist dieser Ort so weit entfernt, wie ein MP3-Player von einer HiFi-Anlage. Hier wird ein über hundert Jahre altes Musikmedium mit modernster Technik auch für die nächsten Generationen bewahrt – und immer weiter verbessert.

Wir möchten uns an dieser Stelle herzlichst bei GZ Media für die spannende Führung und die uns geschenkte Zeit bedanken. Ihnen ist es zu verdanken, dass sich keine Rückstände von Redakteursfingern auf Plattenspielern drehen. Den süßen Rollbrettroboter durften wir leider nicht adoptieren.

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