Canor Virtus I4S im Test: Luxus (nicht nur) für die Ohren
- Leistung
- 2x 75 Watt / 8 Ohm, 2x 120 Watt / 4 Ohm
- Eingänge
- 2x Cinch, 1x XLR, 1x Phono MM/MC
- Audio-Ausgänge
- 1x Lautsprecher-Paar, 1x Pre-Out
- Abmessungen (BxHxT)
- 430 x 75 x 310 mm
- Preis
- 2799 Euro
Unaufdringliche Perfektion prägt den Canor Virtus I4S sowohl klanglich als auch optisch und haptisch. Sein kräftiger, leicht warmer und trotzdem hochgenauer Klang animiert praktisch jedes Boxenpaar zu Höchstleistungen. Einer der edelsten und elegantesten Amps seiner Preisklasse – gerade für Analogfans.
- Leicht warmer, griffiger, fein strukturierter Klang
- Hervorragend klingender, anpassbarer MM/MC-Phono-Eingang
- Elegantes Bedienkonzept
- Perfekte Verarbeitung
- Keine digitalen Eingänge
Der Canor Virtus I4S ist ein Transistor-Vollverstärker mit analogen Eingängen und integrierter Phonostufe. Diese Beschreibung passt zu hunderten von Geräten. Aber nur ganz wenige davon strahlen die luxuriöse Perfektion aus, mit der der Canor schon vor dem ersten Ton Augen und Tastsinn verwöhnt. Und dabei schließen wir ausdrücklich auch deutlich teurere Amps ein. Sein Hersteller beschreibt den Virtus I4S als „soliden Einstieg“ in ernsthafte HiFi-Gefilde. Das dürfte das Understatement des Jahres sein. Oder zumindest eines von mehreren. Denn auch der D/A-Wandler Verto D4S gehört zu Canors Foundation-Produktlinie und bildet mit dem Virtus eine bestechend schöne und mitreißend musikalisch klingende Kombination. Wir haben den schnittigen Verstärker zum Test gebeten.

Alle anderen Canor-Reihen, – etwa die Premium Line, aus der wir den Canor AI 1.10 getestet haben – liegen deutlich oberhalb der Foundation-Baureihe. Der slowakische Hersteller nähert sich dem breiteren Markt in vorsichtigen Schritten. Im Mainstream- oder gar Massenmarkt wird und will er gar nicht ankommen. Obwohl man in dem modernen Werk in einem der östlichsten Zipfel der EU durchaus auch sehr preiswerte Sachen entwickelt und baut. Etwa die coolen Minikomponenten aus Pro-Jects Boxdesign-Programm. Da ihre Fabrik mit diesen und anderen OEM-Aufträgen schon komfortabel ausgelastet ist, kennen die Canor-Entwickler bei der High-End-Kür unter eigenem Namen weder Stress noch Eile. Alle Geräte, die wir bislang aus Prešov zu Gast hatten, strahlen diese Ruhe förmlich aus.
High-End-Hochkultur: Canor Virtus I4S im Hörtest
Es ist schön, wenn Geräte gut aussehen. Und wünschenswert, dass sie gut klingen. Beim Virtus I4S gibt es eine reizvolle Parallele zwischen optischem und akustischem Auftritt: Seine absolut plane, fein gebürstete Oberseite und der kugelgelagerte Drehregler vermitteln eine fast wissenschaftliche Genauigkeit, wirken dabei aber nicht abweisend oder kalt, sondern sympathisch und seidig. Das Gleiche gilt auch für den Klang des Vollverstärkers.

Die Abbildungsqualitäten unserer Tannoy-Koaxe kommen in diesem Test besonders ausgiebig zum Vorschein. Als moderne, legitime Nachfahren einer legendären Familie von Studiomonitoren haben die Legacy Eaton aus HiFi-Sicht eine sehr direkte, schonungslose und nicht immer angenehme Balance. Wenn Kate Bush auf ihren frühen Werken etwas zu weit im Vordergrund quietschige Stimmakrobatik aufführt, dann kann und muss das ein bisschen nerven. Auch die tontechnischen Entscheidungen auf J.J. Cales Debut Naturally aus dem Jahr 1971 gilt es in erster Linie zu respektieren und getreu zu übermitteln.
Ein Vinylprofi im schlanken Gehäuse
So klingt der Opener Call Me The Breeze eben muffig und uninspiriert, bis er nach zweieinhalb Minuten rüde ausgeblendet wird. Ein generischer Uptempo-Aufwärmboogie, der den Musikern damals sicher mehr Spaß machte als uns 55 Jahre später. Schon im nächsten Track blitzt dann aber der J.J. Cale hervor, der einen ganz eigenen Musikstil definierte und 40 Jahre lang betont unaufgeregt performte: filigran ausgearbeitete Songs zwischen Blues, Jazz und Americana, die auf große Gesten und Rock-Manierismen komplett verzichten. Warm, aber staubtrocken und frei von Effekten.

Ganz unten und ganz oben – im Tiefbass- und Obertonbereich – passiert nicht so viel wie bei modernen Aufnahmen. Dafür haben die Mitten, wo Gitarre und Stimme zu Hause sind, einen Nuancenreichtum und eine Energie, wie man sie heute nur noch selten findet. Mit dem Canor blühen die Songs regelrecht auf, verteilen sich plastisch, fast dreidimensional vor den Boxen und lassen uns ihre schöne Vintage-Sound-Patina bewundern.
Der Phono-Eingang kann mehr als mancher Solo-Preamp
Das JJ-Cale-Album haben wir in der ersten deutschen Vinylpressung auf Philips vorliegen. Als Spieler verdingt sich zunächst der Rega Planar 2 samt hauseigenem MM-System Nd3. Der relativ preiswerte englische Spieler klingt am Canor besser als an den meisten anderen Vollverstärkern. Grund ist das exzellent klingende Phonoteil, das im MM-Modus sehr rauscharm (eigentlich schon rauschfrei) arbeitet und ungewöhnlich klar differenziert, ohne dabei zu schlank oder unausgewogen zu klingen. Also eher so, wie wir das sonst von guten externen Phono-Vorverstärkern gewohnt sind. Regas eigener MM-Preamp Fono MM MK5 jedenfalls hat hier ausnahmsweise nicht das letzte Wort, sondern überlässt dem Einbaukollegen im Virtus I4S den Vortritt.
Mit den minimalistischen Song-Aquarellen von Sol Seppy auf I.A.A.Y.A Part One wechseln wir den Plattenspieler. Vom perfekt stimmigen, unkomplizierten P2 geht’s zum noch ruhiger laufenden, ungleich höher auflösenden Rega Planar 6 RS mit MC-System Ania. Der ist nicht nur praktisch gleich teuer wie der Virtus. Er ergänzt diesen in seinem flachen, schnittigen Auftritt auch optisch sehr gut. Die überlegende Dynamik des Oberklasse-Rega ist mit dem Canor, nun im MC-Modus, nicht zu überhören.
Was man in den langen, stillen Pausen zwischen und in den Stücken nun auch hört, ist ein wenig Eigenrauschen des Phonoteils. Das Rega-MC ist aber auch sehr leise und die Platte niedrig ausgesteuert. Für noch höheren Rauschabstand findest du genug MCs mit etwas mehr Output. Das Goldring Eroica LX etwa, ein echter MC-Klassiker, liefert deutlich Preamp-freundlichere 0,5 Millivolt.
Du willst wissen, wie sich der Canor Virtus I4S im Vergleich mit anderen HiFi-Verstärkern schlägt? Unsere Bestenliste hat die Antwort:
Kräftig und universell kombinierbar
Auf dem Papier ist der Canor zwar kein Kraftprotz, aber er entfaltet seine Leistung mit souveräner Laststabilität. Das macht ihn sehr berechenbar im Zusammenspiel mit unberechenbaren Partnern – zu denen die meisten modernen Mehrwege-Lautsprecher gehören. So klingt zum Beispiel auch unsere Tannoy Eaton genau so, wie ihre Entwickler das wohl wollten. Im direkten Vergleich zum ähnlich teuren, aber kapriziöseren Soulnote A-0 ver.2 sorgt der Virtus für eine einheitlichere Hörsession mit weniger Überraschungen von Platte zu Platte.

Was einerseits positiv ist, weil auch heikle Aufnahmen sich auf die mildernde Wirkung eines kräftigen, ausdrucksstarken Oberbass- und Grundtonbereichs verlassen können. Der Soulnote schafft aber – überraschend angesichts seiner geringen Leistung – mehr Struktur und Dramatik im Tiefbass und einen noch filigraneren Oberton. Jedenfalls, solange du gehobene Zimmerlautstärke nicht überschreitest. Härter zuschlagen und druckvoller rocken kann fraglos der Canor.
Neutral, aber nicht seelenlos
Auch bei fordernder Musik und ambitionierten Pegeln behält der slowakische Edel-Amp stets seinen vornehmen, stimmigen Grundcharakter bei. Im Grunde spielt er absolut neutral. Falls er sich überhaupt Abweichungen tonaler Natur genehmigt, gehen diese in eine minimal warme, samtige Richtung. Auch im Bass genießen Kontrolle und Tonhöhendefinition Vorrang vor rohen Machtdemonstrationen. Die wahre audiophile Seele dieses Amps lebt jedoch im Mittelton, wo ihm eine herrliche, körperhafte Intensität gelingt.

Stimmen und Instrumente entfalten sich absolut glaubwürdig, ohne die verräterischen Klirr-Krönchen, die weniger gelungene Amps auf den Schallwellen hinterlassen. Beim ersten Reinhören könnte man den Canor Virtus I4S fast schon zu unauffällig finden. Das ist ein gutes Zeichen. Daran erkennt man oft Verstärker, die kein Aufsehen erregen, sondern möglichst vollständig aus dem Geschehen verschwinden wollen. Nur mit seinen warmen Klangfarben und den griffigen, fast am Ohr klebenden Texturen akustischer Instrumente hinterlässt der Canor eine dezente, kultivierte Visitenkarte.
Vornehmer Aufbau – mechanisch wie elektronisch
Der Virtus I4S ist nicht einfach nur gut verarbeitet – er ist ein kleines Elektronik-Kunstwerk unter einem dicken Flachdach aus perfekt plangeschliffenem, fein gebürstetem Alu. Die Aluplatte dient nicht als Deckel, sondern trägt die Hauptplatine und das Netzteil, die im Gerät folglich kopfüber hängen. Für die Ausgangstransistoren und deren Treiber dient das Oberdeck als großflächiger Kühler. Aber die Halbleiter sind nicht einfach direkt im Alu verschraubt.

Stattdessen sitzt jeder der vier überdimensionierten Endtöpfe auf einem eigenen, massiven Kupferbarren, der die Abwärme praktisch widerstandslos weg- und erst dann an die Deckplatte weiterleitet. Falls die Passivkühlung nicht ausreicht, setzt sich ein 120-Millimeter-Lüfter im Geräteboden unterhalb der Endstufe in Bewegung. Dank seines großen Durchmessers reichen ihm schon geringe, geräuschlose Drehzahlen. Falls er denn überhaupt einspringen muss.
Verblüffend ausgereiftes Bedienkonzept
Im Test stand der Propeller die meiste Zeit still. Um das herauszufinden, mussten wir den flachen, mit 12 Kilo verblüffend schweren Amp nicht mal hochheben. Denn die Lüfterdrehzahl kannst du dir auf dem zentralen, runden Display anzeigen lassen, zusammen mit der aktuellen Temperatur der Endtransistoren für den linken und rechten Kanal.

Das Display ist ein Touchscreen, der sehr präzise auf jeden Wisch und Tipp reagiert. Eingerahmt wird er von einem absolut spiel- und nahezu reibungsfrei drehbaren Aluring, der die Lautstärke regelt oder den Eingang wählt. Im Einstellmenü kannst du einen Input deiner Wahl auf Festpegel umstellen, um den Canor als Endstufe etwa für ein Heimkinosystem zu verwenden. Displayfarbe und -Helligkeit lassen sich anpassen, die Verstärkung für jeden Eingang um drei oder sechs Dezibel anheben. Geradezu dekadent ist der Phono-Eingang, der für MM vier Kapazitätswerte und für MC fünf Abschlusswiderstände zur Wahl stellt, die du sogar per Fernbedienung umschalten kannst.
Symmetrisches Schaltungslayout, hochwertige Bauteile
Für den ebenfalls einstellbaren Phono-Gain musst du ans Gerät: Für MM stehen 40 oder 46 dB, für MC 60 oder 66 dB zur Wahl. Der Phono-Eingang ist mit hochwertigen Einzeltransistoren, engtolerierten Widerständen und Kondensatoren direkt auf der Hauptplatine aufgebaut. Es folgen Vor- und Endstufenschaltung, natürlich volldiskret und schön symmetrisch gelayoutet. Flankiert werden die beiden Amp-Kanäle von individuellen Quartetten aus 10.000-µF-Rubycon-Elkos, die dem Amp eine beachtliche Siebkapazität von 40.000 Mikrofarad pro Kanal zur Verfügung stellen.

Ein wuchtiger Ringkerntrafo stellt sicher, dass dem Canor seine Nennleistung von 75/120 Watt an 8/4 Ohm ganz locker von der Hand geht. Sollte irgendwas schiefgehen, erkennt und meldet die Schutzschaltung Überstrom, Gleichstrom und zu hohe Temperatur unter Nennung der Fehlerart und des betroffenen Kanals.
Für optimale Symmetrie und kürzeste Signalwege sind die Anschlüsse an der Rückseite des Amps konzentrisch angeordnet. Das innerste RCA-Buchsenpaar ist der Vorstufenausgang, den du für einen Subwoofer oder zusätzliche Endstufen nutzen kannst. Dann folgen jeweils von innen nach außen ein symmetrisches XLR-Paar, Phono und die beiden Line-Inputs. Deinen HiFi-Kopfhörer kannst du an einer klassischen, stabilen 6,3-Millimeter-Klinkenbuchse an der Frontplatte einstecken.

Auch dafür hat Canor einen eigenen, diskreten Verstärker auf der Hauptplatine vorgesehen. Verarbeitung und Finish des Virtus I4S sind überragend. Unter der makellos geschliffenen Deckplatte befindet sich ein Chassis aus dickem, sauber geschnittenem und mit leichtem Glimmeranteil lackiertem Stahlblech. Die verschiedenen Gehäuseteile sitzen perfekt spiel- und wackelfrei und die beiden Bedienelemente – Touchscreen und Dreh-Encoder – reagieren geschmeidig und präzise.
Unser Fazit zum Canor Virtus I4S
Beiläufig auf dem Sideboard oder im Rack betrachtet, schreit das zurückhaltende Design des Virtus nicht unbedingt nach Aufmerksamkeit. Die Bewunderung wird aber immer stärker, je näher du dem wunderschön aufgebauten Gerät kommst, und je mehr du mit seinem ausgereiften Bedienkonzept interagierst. Unauffällig, zugleich tiefgründig und ausgewogen präsentiert sich der Canor-Amp auch klanglich. Ein guter Kopfhörerausgang und sein vollwertiger, anpassbarer Phono-Eingang machen den Canor Virtus I4S zu einem echten Vollverstärker im klassischen Wortsinn. Seine kräftigen, laststabilen Endstufen kommen mit jedem Lautsprecher zurecht, was deine Anlagenplanung erheblich erleichtern kann.
| Technische Daten | |
| Leistung | 2x 75 Watt / 8 Ohm, 2x 120 Watt / 4 Ohm |
| Eingänge | 2x Cinch, 1x XLR, 1x Phono MM/MC |
| Audio-Ausgänge | 1x Lautsprecher-Paar, 1x Pre-Out |
| Quellen kabellos | – |
| Netzwerk | – |
| Gehäuse-Ausführungen | Schwarz, Silber, Bronze |
| Abmessungen (BxHxT) | 430 x 75 x 310 mm |
| Mitgeliefertes Zubehör | Fernbedienung |
| Gewicht | 12 kg |
| Preis | 2799 Euro |
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