Erfahrungsbericht john_frink

beyerdynamic T 1 / A 2 – Review

Da will man ein Review schreiben und wird die ganze Zeit über von Klangwelten fortgerissen. Aber was will man machen. Es ist Herbst, es regnet, wenn man abends heimkommt, ist es stockduster und im Fernsehen läuft… Spannung... „Nähen“. Umso besser, dass ich hier gerade beyerdynamics Flaggschiff, den halboffenen T 1, und dessen Antrieb, den massiven Kopfhörerverstärker A 2, zum Testen da habe. Nun gut, ein wenig Merlot und erst mal Järvis 1812er. Klischee, ist klar, meiner Meinung nach aber eine gelungene Mischung und jeder weiß, worum es geht.

IMG_0191-1-4

 

Ersteindruck

Alles da, unglaubliche Auflösung über den gesamten Frequenzbereich, enormer Detailgrad, sehr präsente Becken, eine leichte Spur mehr im Oberbass, sehr gefällig und warm das Ganze... und man erkennt auch den klassischen beyerdynamic- Sound. Ein kleines Plus des halboffenen Prinzips: Am Ende wenn die Glocken einsteigen, wird die Räumlichkeit sehr deutlich, die sich bis dato zwar vom In-Ear abhebt, aber vom ganz offenen Hörer noch entfernt war. Derbe neidisch wurde ich aber erst, als ich Alt-J’s "Matilda" anspiele. Hier wird das High-End wahrhaftig. Der direkte Vergleich mit dem AKG-Einsteiger K171 macht so einiges deutlich. So zum Beispiel die permanent im Hintergrund ausklingende ganz seicht angezerrte Gitarre, die ich mit allen meinen anderen Hörern so gar nicht bemerkt habe, die unterschiedliche Dynamik des Schlagzeugers, wenn er die Toms bedient, das Schnarren der Bassgitarre, das Ansprechen des Mikros, wenn der Sänger die ersten Laute von sich gibt. Großes Tennis!

Nun denn, ich muss unterbrechen. Die Frau möchte „Nähen“ schauen. Privatfernsehen war auch mal anders, da wurde noch ordentlich Trash gebracht und nicht der SWR zum Vorbild genommen. Moment, ich schweife ab. Wobei hier schon mein größter Kritikpunkt an dem Produkt liegt. Das Prinzip. Der Hörer richtet sich an eine Zielgruppe, die allein im Raum ist. Jemand, der in seinem Hörraum ungestört seine Platten, CDs oder Dateien hören möchte, losgelöst vom Stress, aber nicht völlig abgeschottet. Der Hörer ist jedoch so offen, dass man ihn nicht einfach benutzen kann, wenn Dritte anwesend sind, aber so etwas wird sich der geneigte Käufer vorher überlegen. Von daher wird der Aspekt meine Wertung auch nicht beeinflussen. Man sollte sich nur nicht der Illusion hingeben, dass halboffen schon passen wird. Die Eindrücke sind eher der Natur, dass vom Geschlossenen der Punch und das Tragegefühl übernommen werden und vom offenen Kopfhörer die Räumlichkeit und eine breitere Bühne – je nach Aufnahme ist die schon sehr breit.

Verarbeitung

Na denn, dann kann ich mich auch mit den Äußerlichkeiten befassen. Das Set wurde als Einzelpaket in sehr edlen Verpackungen geliefert. Den A 2 gibt es fast schon spartanisch mit Netzkabel, Fernbedienung und Bedienungsanleitung. Technische Daten werde ich mir an dieser Stelle verkneifen, die kann ohnehin jeder auf der Homepage nachlesen. Schade finde ich, dass hier nicht einmal ein Cinch-Kabel (oder für den modernen Menschen ein Cinch-/Klinkekabel) mitgeliefert wird, da ein solches Gerät ja oft genug direkt an die Pre-outs einer bestehenden Kette oder an den PC angeschlossen werden möchte. Der T 1 kommt in einer edlen Kunstwildleder-Transportbox mit abnehmbaren, sehr angenehmen, stoffummantelten Kabeln und einem Klinke-Schraubadapter. Hier braucht man auch nicht mehr. Das Erscheinungsbild ist für beyerdynamic typisch, sehr massiv. Der Kopfhörer ist nicht der Leichteste, da beim Bügel und dem Gehäuse viel Aluminium zum Einsatz kommt. Der Bügel ist mit sehr angenehmem Kunstleder und Memoryschaum versehen und tatsächlich spüre ich den Bügel oben am Kopf kaum. Die Ohrmuscheln hingegen drücken nach längerem Hören ein wenig, womöglich ist das aber auch eine Gewöhnungserscheinung, die mit der Zeit vergeht. Trotz Velours habe ich nach der Hörsession warme Ohren, das hatte ich aber bislang bei jedem Kopfhörer und das stört mich auch nicht weiter. Der Bügel hat einen recht weiten Verstellbereich, die Muscheln passen komplett über meine nicht winzigen Ohren und ein Knarzen des Gestells oder andere Geräusche sind überhaupt nicht zu vernehmen. Im Allgemeinen ist die Anfass- und Materialqualität ausgezeichnet.

beyerdynamic A2 / T1

Der A 2 Kopfhörer-Verstärker ist ebenso massiv, hat gut sitzende Kontakte, beleuchtete Knöpfe, ein Gehäuse aus dickem, gebürstetem Alu und als Clou eine matte Glasscheibe auf der Oberseite, bei der ein transparentes beyerdynamic-Logo den Blick auf das mit orangenen LEDs beleuchtete Herzstück des Verstärkers freigibt. Das sieht echt gelungen aus und verspricht natürlich ein wenig Röhrenfeeling, was zur warmen Abstimmung des T 1 passt. Der Verstärker bietet zwei analoge Eingänge und neben zwei Kopfhörerausgängen einen weiteren Analogausgang für die Weiterleitung des Signals. Das ist natürlich sehr puristisch. Hier hätte man ruhig die gewonnenen Erkenntnisse aus dem H 1 und A 200 Kopfhörerverstärker einfließen lassen können, um Freunde digitaler Signalverarbeitung für sich zu gewinnen. Derjenige, der also bereits seine ganze Musik auf seinem Laptop lossless bereithält und dort keine zufriedenstellende On-board-Lösung hat, muss noch einen DAC oder ein Audio-Interface dazwischenschalten und sich natürlich die Frage stellen, ob dann noch ein externer Kopfhörerverstärker sinnvoll ist. Mein PC macht das zum Glück ganz gut und ein Vergleich mit der Logitech Squeezebox, deren Signalverarbeitung bekanntermaßen einwandfrei ist, brachte keine dramatisch unterschiedlichen Ergebnisse zutage.

Der Kopfhörerverstärker werkelt dafür in seiner Kernkompetenz vollkommen makellos. Kein Rauschen zu vernehmen, selbst wenn der Lautstärkeregler aufs Maximum gestellt ist, keine Verzerrungen im erträglichen Hörbereich und auch mein Einstiegs-AKG fühlt sich beim A 2 gut aufgehoben. Leider besitze ich keinen Multi-Balanced-Armature-In-Ear, die ja einem Kopfhörerverstärker mitunter einiges abverlangen, sodass diese interessante Fragestellung unbeantwortet bleibt.

IMG_0168-1-3

 

Klang

Und wie klingt’s? Der T 1 ist ein hervorragender Begleiter für die abendliche Musikunterhaltung. Ab dem ersten Moment sind außer den sehr klaren Höhen keine auffälligen, extremen Charaktereigenschaften zu verzeichnen, sodass man den Hörer mit einem Attribut wie "Bassmonster", "blutleer" etc. brandmarken könnte, was ja öfter bei Modellen vorkommt, die entweder zu neutral oder zu spaßig abgestimmt sind. Der Kopfhörer lädt dazu ein, die Platte weiterlaufen zu lassen, um sich von der Vielschichtigkeit der Musik einlullen zu lassen, da jedes Detail offenbart wird, das sich in ihr versteckt. So gesehen macht der Kopfhörer bei vielstimmigen, orchestralen Werken mit seinem unglaublich hohen Auflösungsvermögen mehr Spaß als bei schlicht aufgenommenen, dynamikarmen Aufnahmen. Nicht, dass er das nicht könnte, aber hier wird umso deutlicher, wie schade es ist, dass sich in den letzten zwanzig Jahren die Industrie mit ihrem Komprimierwahn um den künstlerischen Aspekt einer Vertonung eines Musikstücks zu wenig Gedanken gemacht hat.
Zu stark beschnittene Stücke, bei denen der Kompressor sogar Stilmittel ist (August Burns Red – "Black Sheep") klingen recht angestrengt und schmalbandig. Besonders viel Spaß macht der T 1 auch bei Musik, wo der Gesang kraftvoll im Vordergrund steht (Johnny Cash – "Hurt"; Youn Sun Nah – "Song of no regrets"). Die Genialität mancher Sängerinnen und Sänger wird dadurch erst richtig deutlich, da der T 1 in der Lage ist, jede Nuancierung oder jedes noch so kleine Ansteigen oder Abfallen der Stimmkraft zu betonen. Ältere Aufnahmen (Jimmy Hendrix – "Crosstown Traffic"), die naturgemäß etwas bassschwach sind, klingen durch die warme Abstimmung gefälliger und dynamischer – so auch eine der prägenden IDM- Platten schlechthin – Aphex Twins’ Druqks. Obwohl rein elektronisch (und nicht wirklich alt), fehlt mir hier bei einigen anderen Hörern der Punch, beim T 1 hingegen ist alles, wo es sein soll. Hört man hingegen eine Platte, die an sich schon sehr stark im Oberbass betont wurde (Chevelle – "Antisaint"; Florence + The Machine – "You’ve got the love"), wird es tatsächlich matschig und etwas undeutlich. Am anderen Ende der Skala trifft es die Becken, sollten diese auf einer Aufnahme zu sehr herausstechen, könnten empfindlichere Ohren das als zu hart empfinden, das ist aber eher die seltene Ausnahme auf schlechteren Tonträgern. Andere elektronische Musik gibt er zwar auch tadellos wieder, jedoch ist das nicht seine Paradedisziplin. Hier mag ich das straffere Klangbild ganz geschlossener Kopfhörer oder von In-Ear-Stöpseln lieber. Pantha du Prince oder Trentemöller wirkten mitunter träge und nicht ganz so präsent.

Im Allgemeinen sind die Höhen kristallklar konturiert, aber nicht dominant. Die Mitten sind in den Stimmen voll entfaltet, jedoch nicht betont. Der Oberbass ist weich und umfassend, der Tiefbass jedoch eine Spur zurückhaltender. Dynamikumfang und Auflösungsvermögen sind die klaren Gewinner, die Bühne und Ortung gut ausgeprägt. Als reiner Studiohörer ist der T 1 jedoch nicht neutral genug.

Fazit

Die High-End-Kombi T 1/A 2 ist eine hervorragend verarbeitete und gelungene Allround-Lösung, bei der viel Liebe fürs Detail aufgewendet wurde. Das gilt nicht nur für die Auswahl der Materialien und den Aufbau des Verstärkers und Kopfhörers, sondern vor allem für den Klang, der sich gerade beim Herausarbeiten winzigster Details in das Herz des Hörers spielt. Hierbei wird nicht auf allerhöchste Neutralität Wert gelegt, sondern auf allergrößte Spielfreude, wobei Gesang besser dargestellt wird als Gegröle und ein Orchester besser als ein Computer. Freunde guter, handgemachter Musik werden beim T 1 und A 2 lange Zeit ihre Freude haben und in vielschichtige Klangwelten eintauchen können!

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an beyerdynamic für das Gewinnspiel und für die Möglichkeit, meine Lieblingsalben mit ganz anderen Eindrücken neu zu entdecken!

Viele Grüße
john_frink

beyerdynamic A2 / T1

Kommentieren
Damit du kommentieren kannst, logge dich ein mit deinen Hifi-Forum-Zugangsdaten oder registriere dich hier kostenlos.